Meiningen  2000

 

Die Hasel – eine Osterüberraschung

... es ist wieder mal so weit, Ostern steht vor der Tür und das bedeutet: Zelte ausmotten, Sachen packen, Boote laden und raus aus der norddeutschen Tiefebene in Richtung Mittelgebirge. Stimmt, so recht gemütlich ist das Campen wirklich noch nicht, aber es gibt ja beheizte Bootshäuser, warme Klamotten und den Spaß an den Flüssen und Flüsschen. Zu dieser Zeit ist das spätwinterliche Hochwasser abgeflossen, die Wasserläufe sind noch gut gefüllt, das Wasser fließt schnell, schäumt über Wehre und kleine Stufen, gibt uns das Gefühl von Wildwasser.

In diesem Jahr heißt das Ziel Meiningen an der Werra in Thüringen. Der örtliche Bootsverein nimmt uns freundlich auf. Unser erster Blick gilt der Werra: die unterste Stufe des Anlegers ist unter Wasser, die Strömung einigermaßen flott und das 300 m entfernte Wehr gut überspült. Es kann losgehen!

Am nächsten Tag zur Eingewöhnung auf die Werra. Die Luft ist noch recht kühl, ich muss mir unterwegs Handschuhe anziehen und mich nach der Winterpause mit dem Boot neu anfreunden, fühle mich zu Beginn etwas unsicher. Nach kurzer Zeit ist das alles vergessen: der Frühling ist da. Die Bäume zeigen zarte Blätter, Sträucher blühen, die Erde entfaltet ihren typischen Frühjahrsgeruch, Vögel brüten, kleine Enten schwimmen vor uns her, Lämmer grasen am Ufer, der Waldboden ist von einem weißen Blütenteppich bedeckt. Der Fluss strömt ganz gut, ich muss nicht viel arbeiten, kann genießen. Zwei größere Wehre sind nicht befahrbar, müssen umtragen werden. Schlepperei, das Wasser ist an der Einsatzstelle nur sehr flach, das Paddeln ziemliche Arbeit. Wir werden also körperlich doch noch gefordert und kommen zufrieden ins Quartier zurück. Doch morgen soll es auf dem Wasser sportlicher zugehen.

Die Einheimischen empfehlen uns die Hasel. Für dieses Flüsschen existiert keine Fahrtenbeschreibung und auch nur wenig mündlich Überliefertes, außer dass es keine Schwierigkeiten gäbe, höchstens mal einige Baum- oder Strauchhindernisse.

Wir finden eine gute Einsatzstelle an einem kleinen Zufluss der Hasel. Die Strömung ist außerordentlich flott, das Wasser sprudelt, Kehrwässer zuhauf, wir „tanzen“ manchmal auf dem Wasser, es macht Spaß, wir kommen gut voran. Dann das erste Wehr: fahrbar, dreistufig, sieht gut aus. Dennoch die erste Kenterung. Der Stein hat Schuld, lag mitten im Wasser! Aber alles kein Problem, wir sind gut ausgerüstet tragen Neoprenanzüge, Helme, Schwimmwesten. Das Boot ist schnell am Ufer, das „Opfer“ lacht, gemeinsam wird alles wieder startklar gemacht. Und weiter geht’s.

Bis zum Ast, der tief hängt und weit über das Flussbett reicht. Das Wasser strömt mit großer Kraft direkt auf den zugehörigen Baum zu, der schmale Durchlass rechts liegt hinter einem Kehrwasser. Ich fahre als erste, erreiche den Durchlass nicht, hänge quer vor dem Ast. Das Wasser läuft vorn über mein Boot, fließt auf die Spritzdecke, nur nicht bewegen, ich verfolge staunend, wie ich gleich kentern werde. Ein letzter Ruck nach vorn, oh Wunder, das Boot stabilisiert sich, schiebt sich rückwärts in das Kehrwasser, ich habe es geschafft.

Unser Fahrtenleiter ist vor dem Hinderniss ausgestiegen, steht am Ufer, um eventuell Hilfe geben zu können. Das so ist üblich bei uns. Er gibt Tipps, wie die Stelle durchfahren werden kann. Gefährlich ist das alles nicht, nur nass wird eigentlich niemand so gern.

Der nächste versucht sein Glück. Ihm geht es wie mir vorher. Er liegt quer vor dem Ast, die Strömung drückt das Boot unter Wasser. Keine Chance, der Weg ins Wasser ist unvermeidbar. Der Fluss ist nicht tief, das Boot lässt sich leicht ans Ufer schieben, und wo Mann sowieso schon nass ist, noch einmal zurück in die Hasel und den Ast absägen. Gut, wenn man für solche Fälle gerüstet ist! Jetzt hat der Rest der Gruppe leichteres Spiel. Ab ins Kehrwasser und rückwärts den Engpass durchfahren.

Noch einmal werden die Büsche an diesem Tag ein Kenteropfer fordern. Die Strömung ist, eben sehr flott und die Bäume stehen manchmal einfach falsch. Als die Hasel in die Werra mündet, haben wir eine sportliche Tour hinter uns und können entspannt zum Bootshaus paddeln. Wir sind von diesem Fluss so begeistert, dass wir ihn noch zweimal befahren werden.

Am Ende unserer Osterfahrt wird der Ast noch ein Opfer gefunden haben, eine Ente von Angelhaken in Schnabel und Flossen befreit worden sein, werden wir erfahren haben, dass Schwäne manchmal gar nichts von uns wollen, Widder gelegentlich Verhüterli tragen, es große und kleine Eisvögel gibt, solche Touren auch gut von Paddelneulingen bewältigt werden und es noch schöne Flüsschen zu entdecken gibt.

  

Ingeborg Claußen